Never Ending Coming-Out

erstmals erschienen am 18.01.2014 auf

Umstandslos – dem Magazin für feministische Mutterschaft

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Das hat mir niemand gesagt.

Als S. und ich beschlossen, gemeinsam ein Kind haben zu wollen, hatten wir beide unser Coming-out längst schon hinter uns und betrachteten es als abgehakt. Welch großer Irrtum!

Es begann, als ich meinem Chef erzählen musste, dass ich schwanger bin und ich ihm erklären musste, dass ich nicht plötzlich wieder hetero geworden sei, sondern dass S. und ich mit Hilfe einer Samenspende Eltern werden würden. Und als die Schwangerschaft voranschritt, reihte sich eine Situation an die andere, wo ich erklären musste … okay … wollte … aber irgendwie doch musste – denn Lügen war in dieser Sache keine Option für mich –, dass ich zusammen mit meiner Freundin ein Kind bekommen würde: Gynäkologin, Hebamme, Mit-Schwangere im Geburtsvorbereitungskurs, sämtliches Personal in der Geburtsklinik, neue Bekanntschaften, etc. etc.

Als der Bauch dann weg war und der kleine Bär da, hörte das natürlich nicht auf.

Kinderarzt, Mamas (selten auch Papas) in der Krabbelgruppe, am Spielplatz.

Natürlich, könnte man jetzt einwenden, ich hätte ja nicht allen was über mich erzählen müssen. Aber Mütter in Karenz haben selten andere Themen als den noch so neuen Nachwuchs und alles, was damit zusammenhängt und ein Gespräch erschöpft sich sehr schnell, wenn man den zweiten Elternteil aus dem Gespräch ausklammern möchte.

Nach einigen frustrierenden Versuchen ein Gespräch mit einer Zufallsbekanntschaft an der Sandkiste möglichst outingfrei über die Bühne zu bringen – frustrierend, weil das Gespräch auf diese Weise natürlich nicht die Qualität erreichen konnte, die möglich gewesen wäre, aber auch, weil ich mich danach jedesmal ein bisschen selbst verachtet hab’ für meine Feigheit – war der Entschluss schnell gefasst – mich nie wieder nicht zu outen.

Zum Glück kommt man als Regenbogenfamilie ja nicht aus der Übung.

Mittlerweile hab ich im kleinen Bären dabei sogar tatkräftige Unterstützung. Er erzählt gerne, dass er zwei Mamas hat wie z. B. neulich dem netten fremden Papa in der Bücherei, der seinem Sohn ein Buch vorgelesen hat. Kontaktfreudig wie der kleine Bär nunmal ist, setzt er sich dazu und erzählt Vater und Sohn in einer Lesepause so laut, dass ich es sogar zwei Bücherregale weiter hören kann, dass er keinen Papa aber dafür zwei Mamas hat. Dann zeigt er auf mich und sagt: „Da ist meine Mama!“. Für mich bleibt nichts weiter zu tun, als dem neugierig guckenden Papa freundlich zu winken und meine Nase dann möglichst tief in das nächstbeste Buch zu vergraben.

Lesbischen Frauen (und natürlich auch schwulen Männern), die sich darüber ärgern, dass sie nicht immer und überall 100%ig zu sich und ihrer Sexualität stehen können, möchte ich gerne raten: Werdet Eltern! Ich weiß, nicht ganz so einfach, wie bei den meisten Heteros (aber das ist ein anderes Thema), aber es hilft ungemein dabei eine Coming-out-Routine zu entwickeln. Ihr kommt gar nicht aus! 😉

Die Übungsmöglichkeiten reißen auch mit dem Älterwerden des Kindes nicht ab. Bei uns beginnt jetzt die Zeit der Suche nach der passenden Volksschule und natürlich muss jede Kandidatin erst auf ihre Homofreundlichkeit hin getestet werden. Heißt also: jedesmal reinen Wein einschenken.

Nächste Woche haben wir Termin bei einem neuen Kinderarzt und da es ein ganzheitlich orientiert arbeitender Arzt ist (das war Bedingung), wird wohl auch mal wieder ein Coming-out fällig werden und ich muss zugeben, ein ganz klein wenig mulmig ist mir doch, nachdem er mir per Mail ein frohes neues Jahr in Gottes Segen gewünscht hat …

Versteht mich nicht falsch, ich beklage mich nicht. Ich weiss, dass ich von niemandem verlangen kann, mir an der Nasenspitze anzusehen, dass ich mein Kind nicht mit einem Mann aufziehe und auch nicht alleine, sondern mit einer Frau. Es ist nur …

… dass es so outing-intensiv werden würde, hat mir vorher niemand gesagt.

Das hat mich anfangs doch überrumpelt.

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