Homonormativität

Jeden Abend bringen S. und ich abwechselnd unseren 6-jährigen ins Bett. Das geht schon seit vielen Jahren so und jedes Mal gibt’s eine Gute Nacht-Geschichte und danach wird geknuddelt und ab und zu auch noch geplaudert. In dieser geschützten und innigen Atmosphäre rückt unser Kleiner dann oft mit Themen und Fragen heraus, die ihn aktuell beschäftigen, so auch gestern:
“Mama, wie kommt der Samen in die Frau hinein? Mit dem Becher, oder?”
Etwas überrumpelt von der Frage habe ich dann – ich befürchte etwas holprig – Aufklärungsarbeit geleistet und versucht ihm zu erklären, dass die meisten Kinder anders entstehen. Ich glaube, bzw. ich hoffe, er hat das verstanden. Bisher kamen dazu jedenfalls keine Fragen mehr nach.

Mich beschäftigt seine Frage allerdings auch heute noch, ist sie doch ein anschauliches Beispiel dafür, dass unsere Kinder (ich meine hier jene Kinder, die in gleichgeschlechtliche Beziehungen hineingeboren werden) anfangs ein ganz anderes Bild von der Welt haben als Kinder von verschiedengeschlechtlichen Paaren. Auch die meisten von uns Eltern hatten in der Kindheit ein anderes Weltbild, da wir in der Regel ja heterosexuellen Beziehungen entstammen.
Wir mussten im Laufe unsere Entwicklung feststellen, dass es abseits der Heterosexualität auch noch etwas anderes gibt, etwas dem wir uns mehr zugehörig fühlen. Kinder aus Regenbogenfamilien gehen die andere Richtung. Sie müssen im Laufe ihrer Entwicklung feststellen, dass das, was für sie völlig normal ist, für die grosse Mehrheit der Gesellschaft nicht gilt: Nein, nicht alle Kinder haben zwei Mamas (zwei Papas)! Und nein, nicht alle Kinder wissen was die Regenbogenparade ist. Wenn zwei Männer mit Kindern zusammen im Freibad sind, dann ist das nicht unbedingt eine Regenbogenfamilie und nein, es werden auch nicht alle Kinder mit einem Becher gemacht.

Während für uns homo,-bi- und transsexuelle Erwachsene der Weg aus der Heteronormativität hin zur Erkenntnis, dass es für uns was passenderes gibt oft schmerzvoll und ganz und gar nicht einfach war, ist der Weg, den unsere Kinder gehen müssen zum Glück weniger steinig. Vorausgesetzt, sie dürfen in einer offenen und toleranten Gesellschaft (dazu zähle ich Österreich jetzt einfach mal ganz unkritisch) gross werden, dann wissen sie von Anfang an, dass beides okay ist: Hetero- und Homosexualität.

Dr.in Lisa Green, die FAmOs im Juni zu einem Workshop mit dem Titel “Gestärkte Eltern stärken Kinder: Vorbereitung auf den Weg durch die heterosexuelle Gesellschaft” eingeladen hat, lieferte viel spannenden Input zum Thema, wie man Kindern aus Regenbogenfamilie bei diesem Prozess effizient unterstützen kann. Unter anderem meinte sie, dass es wichtig sei den Kindern zu ermöglichen andere Kinder aus Regenbogenfamilien zu treffen, denn es tue gut sich einfach mal als ganz normal empfinden zu können.
Womöglich haben wir diesen Ratschlag allerdings zu sehr beherzigt, denn wir treffen uns seit Jahren regelmäßig mit anderen Regenbogenfamilien und haben einen grossen Regenbogenfamilien-Freundeskreis. Unser Sohn hat also von Anfang an die Erfahrung machen dürfen, dass es viele Familien wie die unsere gibt und – ich weiss ja nicht alles was die Kinder miteinander so besprechen – aber anscheinend ist er dabei auch zu der Meinung gelangt, dass alle Kinder üblicherweise mit Hilfe eines Bechers entstehen. Ich hoffe, ich konnte ihm gestern wieder ein Stückchen auf seinem Weg aus seiner homonormativen Blase heraus helfen.

P.S.: Dr.in Lisa Green ist Co-Autorin des Buchs “Die Geschichte unserer Familie”, einem Buch für lesbische Familien mit Wunschkindern durch Samenspende, das in keinem gut sortierten Bücherregal von Regenbogenfamilien fehlen sollte.

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